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Wenn alles Narzissmus ist, ist nichts mehr Narzissmus

Wenn alles #Narzissmus ist, ist nichts mehr #Narzissmus

#Gütersloh, 12. Juni 2026

Wir leben in einer Zeit der großen Worte. Überall begegnen uns schwere Begriffe: #Narzissmus. #Trauma. #Missbrauch. #Rassismus. #Hass. #Diskriminierung. #Mobbing. #Gewalt. #Trigger.

Die meisten dieser Begriffe stammen aus Bereichen, in denen es um reale, ernste und teilweise existenzielle Probleme geht. Sie beschreiben menschliches #Leid, psychische #Verletzungen, soziale #Ausgrenzung oder schwere #Persönlichkeitsstörungen. Genau deshalb besitzen sie eine besondere moralische und gesellschaftliche Bedeutung.

Doch gerade diese Bedeutung scheint zunehmend zu verschwimmen. Heute ist der ehemalige Partner ein #Narzisst. Der politische Gegner ein #Nazi. Die kritische Bemerkung ein #Angriff. Die unangenehme #Erfahrung ein #Trauma. Die Ablehnung einer Forderung #Diskriminierung. Die #Meinungsverschiedenheit #Hass.

Die Begriffe werden immer größer. Die Wirklichkeit dahinter wird immer kleiner. Für dieses Phänomen gibt es einen wissenschaftlichen Begriff: #Concept #Creep – die Ausweitung von Begriffen auf immer mehr und immer mildere Fälle. Ein Begriff, der ursprünglich eine seltene und schwerwiegende Erscheinung bezeichnete, wird nach und nach auf alltägliche Situationen übertragen.

Das geschieht meist aus einer guten Absicht heraus. Menschen wollen sensibler werden. Sie wollen Leid erkennen und benennen. Sie wollen Ungerechtigkeiten sichtbar machen.

Doch dabei entsteht ein #Paradox.

Wenn alles Trauma ist, ist irgendwann nichts mehr Trauma. Wenn alles Missbrauch ist, ist irgendwann nichts mehr Missbrauch. Wenn alles Hass ist, ist irgendwann nichts mehr Hass. Und wenn jeder schwierige Mensch ein Narzisst ist, verliert auch der Begriff Narzissmus seine Bedeutung.

Die Folgen dieser Entwicklung werden besonders deutlich, wenn man die Sprache in einen völlig unpolitischen Bereich überträgt. Ein #Architekt plant ein Gebäude. Er berechnet #Statik, #Funktion, #Material und #Nutzung. Das nennen wir Architektur. Ein #Kind malt mit #Wachsmalkreide ein #Haus auf ein Blatt #Papier. Beides hat mit Häusern zu tun. Aber niemand käme auf die Idee, beides Architektur zu nennen.

Ein 3 jähriger schlägt mit einem #Kochlöffel auf einen Topf. Ein #Konzertpianist interpretiert #Beethoven. Beides erzeugt Töne. Aber niemand würde behaupten, beides sei dasselbe. Warum fällt uns diese Unterscheidung in technischen Bereichen so leicht, während sie in psychologischen und gesellschaftlichen Fragen immer schwerer wird? Vielleicht, weil dort ein anderes Prinzip wirkt. Man könnte es das #Moralin Prinzip nennen.

#Moralin ist die Tendenz, jede Frage in eine moralische Frage zu verwandeln. Aus einem Sachverhalt wird ein Charakterurteil. Aus einer Meinungsverschiedenheit wird eine Gesinnungsprüfung. Aus einer Handlung wird eine Identität. Moralin ist ein Fantasiemedikament, erfunden von Friedrich Nietzsche das vieles heilt, indem es die #Moral ins Spiel bringt. Man sagt nicht mehr: »Diese Aussage halte ich für falsch.« Sondern: »Du bist ein Rassist.« Man sagt nicht mehr: »Diese Person verhält sich egoistisch.« Sondern: »Er ist ein Narzisst.« Man sagt nicht mehr: »Diese Erfahrung hat mich verletzt.« Sondern: »Ich bin traumatisiert.«

Die Sprache verschiebt sich vom #Verhalten zur #Identität. Und damit verändert sich auch die Art, wie wir über Menschen denken.

Besonders auffällig ist das beim Begriff Narzissmus. Die meisten Menschen kennen nur eine Handvoll Personen, die tatsächlich die Merkmale eines schweren #Narzissmus aufweisen. Gleichzeitig scheint heute jeder 2. Ex Partner, #Chef, #Vereinsvorsitzende oder #Kollege ein Narzisst zu sein.

Offensichtlich stimmt etwas nicht. Vielleicht erleben wir gar keine Epidemie des Narzissmus. Vielleicht erleben wir eine Epidemie narzisstischer Verhaltensmuster. #Schuldumkehr. #Projektion. #Moralisierung. #Statusverteidigung. #Selbstrechtfertigung. #Ausgrenzung. #Gruppendenken. Diese Muster finden sich überall. Sie sind nicht auf Narzissten beschränkt. Sie sind menschlich.

Vielleicht haben sie sich sogar als erfolgreiche soziale Strategien entwickelt. Wer moralisiert, gewinnt Aufmerksamkeit. Wer den #Kritiker angreift, vermeidet die #Debatte über den #Inhalt. Wer sich selbst als #Opfer darstellt, mobilisiert #Unterstützer. In einer Welt der Social Media verbreiten sich solche Muster besonders schnell. Doch genau deshalb brauchen wir präzisere Begriffe, nicht unpräzisere. Denn eine Gesellschaft verliert ihre Fähigkeit zur Analyse, wenn sie ihre Begriffe verliert. Schwere Begriffe sollten schweren Phänomenen vorbehalten bleiben. Nicht weil die kleineren Probleme unwichtig wären. Sondern weil Unterschiede wichtig sind.

Eine Kränkung ist nicht automatisch ein Trauma. Ein Egoist ist nicht automatisch ein Narzisst. Eine Ablehnung ist nicht automatisch Diskriminierung. Eine Kritik ist nicht automatisch Hass. Und ein Mensch mit einer anderen Meinung ist nicht automatisch ein Nazi.

Vielleicht ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit deshalb überraschend einfach: Den Begriffen ihre Bedeutung zurückzugeben.

#NOW #KWS #ROSA #OWL #GT #GGC #GOGREENCHALLENGE #VISITGÜTERSLOH #VISITGT #NIEWIEDERISTJETZT

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