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KWS Lectures: Die Öffentlichkeit hat eine Öffentlichkeitskrise
#KWS #Lectures: Die #Öffentlichkeit hat eine #Öffentlichkeitskrise
#Gütersloh, 30. Mai 2026
Seit Jahren sprechen wir über die Krise der #Innenstädte, die #Krise der #Medien, die Krise der #Demokratie, die Krise des gesellschaftlichen #Zusammenhalts, die Energiekrise, die Klimakrise, die Verkehrskrise. Fast jede Woche erscheint ein neuer Begriff. Mal geht es um #Polarisierung. Mal um #Populismus. Mal um Social Media. Mal um die #Vertrauenskrise der #Institutionen. Die #Lecture bezieht sich unmittelbar auf den Artikel »Gütersloh und anderswo – die konservativen Therapien scheitern, weil sie das eigentliche Problem nicht verstehen« …
Vielleicht übersehen wir etwas. Vielleicht handelt es sich gar nicht um viele verschiedene Krisen. Vielleicht handelt es sich um dieselbe Krise. Eine Öffentlichkeitskrise.
Der Begriff klingt zunächst tautologisch. Fast komisch. Die Öffentlichkeit hat eine Öffentlichkeitskrise? Wie soll das gehen? Doch bei näherem Hinsehen beschreibt er etwas sehr Reales. #Öffentlichkeit bedeutet mehr als #Kommunikation. Öffentlichkeit bedeutet mehr als Sichtbarkeit. Öffentlichkeit bedeutet mehr als #Reichweite.
Öffentlichkeit entsteht dort, wo unterschiedliche Menschen dieselbe Wirklichkeit wahrnehmen, beschreiben, diskutieren und miteinander abgleichen. Genau das wird zunehmend schwieriger.
Die moderne Gesellschaft kommuniziert permanent. Sie kommuniziert mehr als jede Gesellschaft zuvor. Pressemitteilungen, Newsletter, Social Media Posts, Videos, Podcasts, Kampagnen, Webseiten, Messenger Dienste und digitale Plattformen produzieren ununterbrochen neue Inhalte. Doch Kommunikation ist nicht automatisch Öffentlichkeit. Die meisten Kommunikationsformen funktionieren nach dem Prinzip des »Feed Forward«.
Jemand sendet. Jemand empfängt. Der Vorgang endet. Öffentlichkeit hingegen enthält immer eine Rückkopplung. Öffentlichkeit ist nicht »Feed Forward«. Öffentlichkeit ist #Reziprozität. Sie lebt von Resonanz, Irritation, Widerspruch und Anpassung. Sie lebt davon, dass Menschen nicht nur senden, sondern auch zuhören. Dass sie nicht nur sprechen, sondern auch wahrnehmen, wie andere dieselbe Wirklichkeit erleben. Das Gegenteil von »Feed Forward« ist »#Feedback«.
Genau an diesem Punkt beginnt die Krise. Viele Institutionen verwechseln Kommunikation mit Öffentlichkeit. Verwaltungen veröffentlichen Pressemitteilungen und halten das für Öffentlichkeit. Politiker veröffentlichen Statements und halten das für Öffentlichkeit. Unternehmen veröffentlichen Kampagnen und halten das für Öffentlichkeit. Selbst #Medien verwechseln häufig #Kommunikation mit #Öffentlichkeit. Dabei ist die Veröffentlichung einer Botschaft noch keine Öffentlichkeit. Sie ist lediglich eine Mitteilung. Öffentlichkeit beginnt erst dort, wo unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden. Sie beginnt dort, wo eine Verwaltung sagt: »Der Weihnachtsmarkt war ein Erfolg«, und gleichzeitig Bürger sagen dürfen: »Wir haben ihn ganz anders erlebt.« Sie beginnt dort, wo die Aufgabe der Presse nicht darin besteht, eine dieser Sichtweisen zu übernehmen, sondern beide sichtbar zu machen.
Die eigentliche Krise der Öffentlichkeit besteht deshalb möglicherweise nicht darin, dass zu wenig gesprochen wird. Es wird mehr gesprochen als je zuvor. Die eigentliche Krise besteht darin, dass immer weniger unterschiedliche Wirklichkeiten öffentlich aufeinandertreffen. Stattdessen entstehen geschlossene Kommunikationskreisläufe. Verwaltungen sprechen mit Verwaltungen. Politiker sprechen mit Politikern. Medien sprechen mit ihren Quellen. Algorithmen sprechen mit Algorithmen. Und jeder dieser Kreisläufe entwickelt seine eigene Wirklichkeit.
Die Folge ist ein seltsames Paradox: Noch nie waren Menschen so sichtbar. Und noch nie war es so schwer, eine gemeinsame Öffentlichkeit herzustellen. Die Krise der #Innenstädte kann deshalb nicht allein als #Einzelhandelskrise verstanden werden (siehe oben). Die #Innenstadt war über Jahrhunderte ein Ort physischer Öffentlichkeit. Menschen trafen sich dort. Sie sahen einander. Sie entwickelten gemeinsame Routinen. Sie teilten eine gemeinsame Wirklichkeit. Mit dem Verlust dieser Funktion verschwindet nicht nur #Konsum.
Es verschwindet Öffentlichkeit
Gleichzeitig verlieren auch Medien ihre klassische Vermittlungsfunktion. Immer häufiger werden institutionelle Selbstbeschreibungen als Wirklichkeit dargestellt, während alternative Perspektiven als bloße Meinungen erscheinen. Dadurch entsteht eine neue Form der Entkopplung. Nicht weil niemand mehr redet. Sondern weil immer weniger Menschen über dieselbe Wirklichkeit reden. Vielleicht ist dies die eigentliche Zukunftsfrage demokratischer Gesellschaften. Nicht, wie wir mehr kommunizieren. Sondern wie wir wieder Öffentlichkeit herstellen. Wie wir Räume schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden. Wie wir #Kritik nicht als #Störung, sondern als #Information verstehen. Wie wir lernen, dass Öffentlichkeit nicht darin besteht, Recht zu behalten. Sondern darin, unterschiedliche Wirklichkeiten gemeinsam sichtbarzumachen.
Denn Öffentlichkeit ist keine Lautsprecheranlage. Öffentlichkeit ist ein Resonanzraum. Und genau dieser Resonanzraum befindet sich heute in der Krise. Die Öffentlichkeit hat eine Öffentlichkeitskrise.
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