

Bild: NOW KI, Informationen zu Creative Commons (CC) Lizenzen, für Pressemeldungen ist der Herausgeber verantwortlich, die Quelle ist der Herausgeber
30 Jahre später: Als Urin plötzlich ein Heilmittel war
30 Jahre später: Als #Urin plötzlich ein #Heilmittel war
#Gütersloh, 24. März 2026
Es ist eine dieser Erinnerungen, bei denen man sich im Nachhinein fragt, ob man sich das wirklich nicht ausgedacht hat. Anfang, Mitte der 90er Jahre – irgendwo zwischen #Talkshowkultur, wachsender #Esoterikwelle und einem diffusen #Misstrauen gegenüber der »#Schulmedizin« – tauchte plötzlich ein Thema auf, das zugleich ernst gemeint und vollkommen absurd war: Urin als Heilmittel.
Und mittendrin: Carmen Thomas
Ihr #Buch »Ein ganz besonderer Saft – Urin« war kein #Nischenprodukt, kein obskurer #Geheimtipp, sondern ein mediales Ereignis. Es wurde diskutiert, zitiert, belächelt, ausprobiert. Menschen hörten im #Radio davon, sahen es im #Fernsehen, lasen darüber – und manche begannen tatsächlich, sich mit der Idee auseinanderzusetzen, dass das, was der Körper ausscheidet, vielleicht doch eine Form von Rückkopplung, von #Selbstheilung sein könnte.
Die Anwendungen, die kursierten, waren dabei so direkt wie befremdlich: trinken, einreiben, spülen. In extremen Varianten sogar injizieren. Was heute wie eine #Parodie auf #Gesundheitskult wirkt, wurde damals mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit verhandelt. Nicht überall, nicht von allen – aber laut genug, um im kollektiven Gedächtnis zu bleiben.
Die Anwendungen, die kursierten
- #Trinken von Eigenurin (»#Urinfasten«)
- #Einreiben der Haut oder des Gesichts
- #Injektionen (extreme Randpositionen)
Das Ganze bewegte sich irgendwo zwischen Naturheilkunde, Esoterik und – nüchtern betrachtet – medizinisch unbegründeten Annahmen.
Es war eine Zeit, in der Talkshows noch Räume waren, in denen alles verhandelt werden konnte. Zwischen politischen Debatten, Beziehungsdramen und Lebenshilfe saßen plötzlich Menschen, die erklärten, warum sie morgens ein Glas Eigenurin trinken. Und daneben ein Publikum, das irgendwo zwischen Faszination und stillem Entsetzen schwankte.
Das #Groteske lag nicht nur im #Inhalt, sondern im #Ton. Es wurde nicht als #Skandal inszeniert, sondern oft als ernsthafte #Alternative. Genau darin lag die eigentliche Irritation: dass etwas so fundamental Abseitiges in den gleichen Diskurs eingespeist wurde wie #Ernährung, #Prävention oder #Lebensstil.
Dreißig Jahre später wirkt das wie ein kultureller Ausreißer – und ist doch erstaunlich anschlussfähig an die Gegenwart. Die Mechanik hat sich kaum verändert. Misstrauen gegenüber etablierten Systemen, die Sehnsucht nach einfachen, »natürlichen« Lösungen, die Verführung durch Selbstoptimierung ohne Aufwand. Damals war es der »eigene Saft«. Heute sind es andere Versprechen – oft nur besser verpackt.
Was bleibt, ist weniger die Praxis selbst als die Erinnerung an ihre mediale Wucht. Dieses kollektive Stirnrunzeln, dieses gleichzeitige Lachen und Nicht ganz glauben Können. Und die Erkenntnis, dass Öffentlichkeit manchmal Räume öffnet, in denen sich alles sagen lässt – auch das Absurde, wenn es nur überzeugend genug vorgetragen wird.
Der Urin Hype der 90er war kein Randphänomen im eigentlichen Sinne. Er war ein Symptom. Ein Moment, in dem sichtbar wurde, wie dünn die Grenze ist zwischen ernstgemeinter Suche nach #Gesundheit und der Bereitschaft, fast alles zu glauben.
Oder anders gesagt: Es war die Zeit, in der man morgens Radio hörte – und sich nicht sicher sein konnte, ob das, was man da gerade hört, wirklich ernstgemeint ist.









